Dervenion Kitchen

11701004_1085031781538266_1587153411409569281_o

Die Dervenion Küche, im anarchistisch geprägten Quartier Exarcheia in Athen, besteht seit Anfang Februar. In ihr haben sich Menschen aus aller Welt zusammengefunden, die Strukturen sind locker und ein bisschen chaotisch. Gesprochen wird in Englisch, Griechisch, Farsi, Arabisch, Urdu, Französisch, Deutsch, Ungarisch, sowie mit Händen und Füssen und wenn man damit nicht weiterkommt, mit Google Translate. Wir sehen uns nicht als ein Projekt von Europäern für MigrantInnen, sondern führen die Küche alle zusammen. Dervenion ist auch ein Treffpunkt geworden, wo alle willkommen sind, die mithelfen, sich austauschen, Musik hören oder einfach in Gesellschaft einen Tee trinken wollen.

12525107_1085037094871068_9219327635927772178_o

Nachdem wir von der durch die europäische Asylpolitik forcierten, prekären Lage in Athen hörten – viele geflüchtete Menschen leben auf der Strasse, ohne Geld und ohne Verpflegung – machten sich anfangs Februar vier Menschen von OpenEyes auf nach Athen. Wir besuchten Exarcheia, lernten AktivistInnen und MigrantInnen aus den besetzten Häusern kennen und bald fanden wir eine kleine Gruppe, die bereits für die obdachlosen Geflüchteten am Victoria Square kochte. Ihre Mittel waren sehr begrenzt, ein griechischer Aktivist aus der Gruppe finanzierte die Zutaten aus dem eigenen Geldbeutel, ergänzt wurde mit gespendetem Essen in Konservendosen. Einen fixen Kochplatz hatten sie keinen. Die Gruppe war überarbeitet, so taten wir uns kurzerhand mit ihnen zusammen.

Noch am selben Abend besuchten wir die Sitzung des besetzten Hauses Dervenion, welches primär als Raum für Meetings und als Lager für Kleider, Medizin und Pflegeartikel genutzt wurde und schlugen vor im kleinen Innenhof eine Küche aufzubauen. Am nächsten Tag kauften wir mit OpenEyes-Spendegeldern Töpfe, Gaskocher, Messer, Schneidbretter und was man sonst noch alles für eine funktionierende Küche braucht. Während wir täglich für rund 400 Menschen auf dem Victoriaplatz kochten, bauten wir stets an der Küche weiter. Die Lebensmittel wurden fortan primär von OpenEyes finanziert.

Die Küche sprach sich rum – fast täglich kamen AktivistInnen und Volunteers zu Besuch und halfen mit Gemüse zu schnippeln und Essen zu verteilen. Auch geflüchtete Menschen aus dem besetzten Haus Notara halfen von Anfang an tatkräftig mit. Als unser Fahrer aus Ungarn, dessen Van wir für den Transport zum Victoria Square benutzten, abreiste, organisierten wir einen VW-Bus aus der Schweiz. Die improvisierte Küchenstruktur nahm Gestalt an.

Ende Februar dann wurde der Victoria Square von der Polizei geräumt. Alle Geflüchteten wurden fortgeschickt ohne das ihnen eine Alternative Unterbringung gestellt wurde. Das Zeltlager abgebrochen und die Menschen gezwungen unterzutauchen.

Als Reaktion darauf wurde am selben Abend ein Gebäudeteil der Universität Polytechnio in Exarcheia besetzt. Ca. 150 Menschen aus Afghanistan, Pakistan, Iran, Marokko, Tunesien, Algerien und anderen Ländern, darunter viele Frauen und Kinder, fanden endlich ein festes Dach über dem Kopf.

Aufgrund der grossen Polizeipräsenz und den immer stärkeren Repressionen gab es auf den Plätzen Athens kaum noch Ansammlungen von MigrantInnen. Daher kochten wir fortan nicht mehr für die Plätze, sondern für die besetzten Häuser in Exarcheia.

Heute machen wir Frühstück, Mittag- und Abendessen für das Polytechnio, wo jetzt ca. 250 Menschen leben. Für Notara, das rund 120 Menschen beherbergt bereiten wir das Frühstück zu. Gemüse, Früchte, Eier, Gewürze und Kräuter lassen wir vom lokalen Markt liefern. Diverse Bäckereien Exarcheias versorgen uns und andere Squats mit Brot, dass sie nicht verkauft haben. Die anderen Häuser haben zwar ihre eigenen Küchen, holen aber hin und wieder Frischware oder Utensilien aus unserer Küche. Man hilft sich gegenseitig, wo man kann.

Als die Grenze zu Mazedonien im März auch für SyrerInnen geschlossen wurden, bekam man dies in Athen stark zu spüren. Stündlich standen Familien vor unserer Türe, die für Essen, Pflegeartikel, Kleider, vor allem aber nach einem Dach über dem Kopf fragten. Gleichzeitig fanden sich auch 3 Iraner aus unserer Küche, einer davon Küchenchef, auf der Strasse wieder. So quartierte man diese, zusammen mit zwei Familien, im Dervenion Squat ein. Mehr Platz gibt es in dem kleinen Haus leider nicht.

Bald darauf wurde auch eine Schule besetzt, in der wiederum etwa 150 Menschen unterkommen. Stets schiessen neue Projekte aus dem Boden Exarcheias und dessen Umgebung, kürzlich wurde das Hotel City Plaza in einen Refugee Squat umgewandelt.

Trotzdem kommt man mit dem Besetzen und Instandsetzen von Unterkünften kaum hinterher. Obwohl die Zahl der Ankömmlinge im Athener Hafen Piräus stark gesunken ist, gibt es nach wie vor unzählige Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und weder zurück in ihr Heimatland, geschweige denn Richtung Norden die Grenze überschreiten können. Niemand will in die Türkei deportiert werden, so versuchen sie sich in den Städten Griechenlands irgendwie über Wasser zu halten.

Es wird die Dervenion-Küche also noch lange brauchen!

Menschen, die schnippeln und kochen wollen, gibt es (heute) viele, doch nur mit Spendengeldern können wir die Existenz der Küche, deren Wert nicht nur in der Zubereitung von Essen sondern vor allem auch in der Zusammenkunft und Vernetzung verschiedener Menschen liegt, langfristig sichern.

Wir danken allen Spendern und Spenderinnen herzlich, dass ihr dieses wunderschön chaotisch-multikulturelle Projekt ermöglicht!

Photos by Zaid Thanoon

OpenEyes, Juni 2016


One Response to “Dervenion Kitchen”


Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.